Von Zen-Automatismen und Zombies

Ich bin gerade beim Lesen von Ruth Benedicts kulturanthropologischem Klassiker Chysantheme und Schwert. Formen der japanischen Kultur auf einen interessanten Automatismen-Bezug gestoßen, der sich wunderbar mit einer These von Hannelore Bublitz aus dem ersten Automatismen-Band verbinden lässt. Die These lautet: Automatismen beinhalten einen qualitativen Sprung: Aus der wiederholten Einschleifung durch Übung entsteht – paradoxerweise –  gerade das Neue: spielerisch-mühelose Perfektion.

Im vom Zen-Buddhismus geprägten japanischen Verständnis lassen sich Techniken der Selbstdisziplinierung in zwei analytische Kategorien aufteilen. Zum einen geht es um den Erwerb bestimmter Kompetenzen (Bogenschießen, Kalligraphie, einzelne Wissensbestände), zum anderen aber auch um die Erreichung eines Zustands der Erfahrenheit (jap. muga).

Der Zustand der Erfahrenheit beschreibt das diesseitige oder religiöse Erlebnis, das sich einstellt, wenn sich zwischen dem Willen eines Menschen und seinem Tun “keine Kluft auftut, nicht einmal von der Dicke eines Haares”. Bei Menschen, die den Zustand der Erfahrenheit nicht erreicht haben, steht gleichsam ein nicht leitender Schirm zwischen dem Willen und der Tat. Sie nennen dies das “beobachtende Ich”, das “störende Ich”, und wenn es durch spezielle Übungen ausgeschaltet ist, verliert der Erfahrene die Empfindung dafür, daß “ich es tue”. Der Stromkreis wird durch nichts mehr unterbrochen. Die Tat gelingt mühelos. (Ruth Benedict, Chrysantheme und Schwert. Formen japanischer Kultur, Frankfurt/M. 2006 [amerikanische OA 1946], S. 207)

Selbsttechnologien der meditativen Versenkung in eine Tätigkeit, die zehntausendfach wiederholt ausgeführt wird, führen also zur Ausschaltung des beobachtenden Ichs aus einem Tätigkeitsablauf. Handlungsziel und Handlungsdurchführung fallen zusammen, sobald man aufhört, sein Handeln auf einer reflexiven Ebene quasi als Zensor zu begleiten. Wie Hannelore Bublitz schreibt:

Aus der wiederholten Einschleifung von Mustern und Schemata entsteht quasi ‘unter der Hand’ etwas qualitativ Neues, nämlich ein Handeln ohne Nachdenken, ein Können, das über bloße Fertigkeiten hinausgeht: Perfektion, Virtuosität. Die Wiederholung des Automatismus bewirkt also einen qualitativen Sprung, eine Transformation nach dem Muster: Übung macht den Meister. (Hannelore Bublitz, These 2 (s.o.), in: dies./Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler, Automatismen, S. 23-26:24.)

Besonders interessant ist eine sich daraus ergebende Redewendung, die diese Grundeinsicht zum Ausdruck bringt. Die Japaner sprechen von jemandem, der seine höchste Leistungsfähigkeit erreicht hat, weil er sein Bewusstsein bei der Erfüllung einer spezifischen Aufgabe ausschalten kann (der also den Zustand der Erfahrenheit erreicht hat), als von einem Menschen (Obacht, Zombologen!), “der lebt, als ob er schon tot wäre” (Benedict, Chrysantheme und Schwert, S. 218). Z. B. in der Formulierung: “Mach die Prüfungen wie jemand, der schon tot ist, dann bestehst du sie mit Leichtigkeit” (ebd.). Der Zustand des Wie-Tot-Seins befreit von Verpflichtungen, Ängsten, Zweifeln; jeglichen Hindernissen also, die sich zwischen die Handlungsabsicht und ihre Durchführung stellen.

Es könnte lohnend sein, unseren Blick ein wenig zu erweitern, und kulturvergleichende Analysen mit einzubeziehen, wenn wir den Automatismen als Kulturtechniken zur Reduzierung von Komplexität auf die Spur kommen wollen. Und ganz offensichtlich wollen die Zombies auch einfach nicht sterben, sondern begleiten uns wie ein theoretischer Schatten.

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