Wer bin ich – und wenn ja wie viele?

Studien der letzten Jahre legen nahe, dass es einen bislang stark unterschätzten Einfluss der Zusammensetzung der Darmflora auf biochemische Prozesse im menschlichen Gehirn gibt. Inzwischen sind bereits drei Darmtypen ausgemacht, die sich in Hinblick auf Unverträglichkeiten, typische Persönlichkeitsmuster und Ernährungsbesonderheiten klar unterscheiden lassen. Mehr als 400 verschiedene Arten von Bakterien bevölkern demnach den Darmtrakt und bilden ein Kollektiv mit einzigartigen Eigenschaften.

Während der klassische Subjektbegriff von souverän handlungsmächtigen Individuen ausgeht, sind Menschen physiologisch betrachtet ein Konglomerat einer Vielzahl lebender Mikroorganismen (Billionen, um genau zu sein), die einen profunden Einfluss auf das Denken und Verhalten ausüben. Diese Einsicht der Naturwissenschaftler korreliert auf unerwartete Weise mit dem Ansatz der Automatismen-Forschung. Um mit Bruno Latour zu sprechen: “Humans are no longer by themselves” ( Bruno Latour (1999), Pandora’s hope: Essays on the reality of science studies, Harvard Univ. Pr, Cambridge, Mass., S. 190). Man darf hinzufügen – sie waren es noch nie.

Neues zu Schwärmen

Die Wired hat einen interessanten Artikel zur Schwarmforschung mit dem ziemlich abschreckenden Titel “How the Science of Swarms Can Help Us Fight Cancer and Predict the Future”. Bitte den Titel nicht ernst nehmen und unvoreingenommen lesen, er ist wirklich recht spannend.

Wusstet ihr z.B., dass das Schwarmverhalten von Heuschrecken eine ganze Menge mit Kannibalismus zu tun hat? Und die Schafe sind auch dabei. Was will man mehr? ;-)

Kunst und genetische Algorithmen

Karl Sims’ klassische Beispiele einer Computerkunst, die mithilfe genetischer Algorithmen ästhetische Bilder erzeugt, sind aus Automatismen-Sicht instruktiv. Die Bilder werden zwar von Zufalls-Algorithmen generiert, durch menschliche Beobachter wird die “künstliche Evolution” aber beeinflusst, indem besonders schöne Bilder ausgewählt werden, die dann als Grundlage für weitere Bilder dienen. Wir haben es hier also nicht nur mit einer ausgesprochen “human-computer symbiosis” (Licklider) zu tun, sondern auch mit einem “wirk­mächtigen Arran­gement von Dingen, Zeichen und Subjekten” (Kollegs-Beschreibung von Automatismen).

Source: http://www.karlsims.com/papers/ksf11.gif

Aktuellere Projekte von Karl Sims beinhalten z.B. Fraktale oder Bilder aus Reaktions-Diffusions-Gleichungen, die nach ähnlichen Mechanismen erzeugt werden.

Haben die Automatismen ihren Schrecken verloren? Ein Denkanstoß

Im technikkritischen Diskurs ist der Verweis auf Goethes Ballade vom Zauberlehrling weit verbreitet, um den potenziellen Kontrollverlust anzudeuten, der mit einer zunehmenden Automatisierung der Lebenswelt einhergeht. Der Kybernetiker Norbert Wiener stellt die Verheißungen der „magic of an automatization in which the devices learn“[1]der Naivität des literarisch festgehaltenen arbeitsscheuen Zauberlehrlings gegenüber und sieht einige strukturelle Parallelen.[2] Insbesondere die Selbststeuerungskapazitäten der modernen Regelungstechnik – realisiert durch interne Feedback-Schleifen nach dem Modell des Thermostats – bergen das Risiko ungewollter Prozessdynamiken und machen sorgfältige Planung und präzise Formulierung der Programmierbefehle zur Notwendigkeit. Im Falle der realen Implementierung selbstorganisierender Systeme gibt es zu allem Überdruss selten einen alten Meister, der die einmal in die Welt gerufenen Geister mit einem Machtwort in den Bann schlagen kann.

Mahnt Wiener – selbst einer der führenden Köpfe der Kybernetisierung der Gesellschaft – also noch unerwartet deutlich einen verantwortungsvollen Umgang mit Technik an, scheint diese frühe Einsicht auf eigentümliche Weise verloren gegangen zu sein. Die Segnungen autonom operierender Algorithmen und Apparate werden weithin dankend angenommen, die Faszinationsgeschichte der Kybernetik allenfalls durch einen nostalgisch-verklärten Ironiegestus gedämpft. Günther Anders, dem Milde zu unterstellen wohl niemandem einfallen würde, hat den Einstellungswandel gegenüber einer zunehmend autonomen Technik auf den Punkt gebracht. Dabei beruft er sich ebenfalls auf den Zauberlehrling-Topos:

Und ebenso gehört es ja zur Regel, daß wir nicht daran denken, gegen das, was diese unsere ‚Geister’ tun und von uns verlangen, aufzubegehren. Umgekehrt sehen wir ja in dem autonomen Automatismus unserer Produkte, der in Goethes Zeiten Augen noch etwas Schreckenerregendes gewesen war, etwas Normales, nein sogar etwas Erfreuliches: nämlich die Garantie dafür, daß auch unser eigenes Dasein glatt funktionieren werde, und daß uns die Last eigener Verantwortung (die wir bereits als etwas Altertümliches, als eine Mode von vorgestern empfinden) ein für alle male abgenommen bleiben werde.[3]

Die Faszination überwiegt also das Bedrohliche der Automatismen[4], im Vordergrund der Wahrnehmung steht gemeinhin eher die entlastende Funktion als das katastrophische Moment. Das ist auch die Lesart McLuhans, dessen euphorische Begrüßung des utopischen Potenzials der Automatisierung stellvertretend für viele steht.[5]

Das gegenwärtige Forschungsinteresse an den Automatismen speiste sich stets aus der Verwunderung über den Umstand, „dass ein immer größerer Anteil der gesellschaftlich relevanten Strukturen dort entsteht, wo der Raum bewusster Planung endet.“[6] Eine „Strukturentstehung außerhalb geplanter Prozesse“ konnte in vielen Gebieten ausgemacht werden, namentlich in „Informationstechnik, Medien und Kultur“. Im Bereich der Technik wären insbesondere verteilte Systeme zu nennen, deren Strukturentstehung – ad hoc und bottom up – keine zentrale Planungsinstanz mehr nötig hat und gelegentlich zu Ergebnissen führt, die kein menschlicher Entwickler so antizipiert hatte. Interessant scheint mir nun der Umstand, dass mit der Neuausrichtung des Paderborner Graduiertenkollegs das Gewicht verlagert wurde von jener oft rätselhaft bleibenden Strukturentstehung, für die die Emergenztheorien bislang die Erklärung schuldig geblieben waren, auf das Moment der Komplexitätsreduktion, wie es der neue Untertitel „Kulturtechniken zur Reduzierung von Komplexität“ expliziert. Was jetzt in den Vordergrund tritt, ist die funktionale Dimension der Automatismen, d. h. die Antwort auf die Frage nach ihrem Nutzen, so unterschwellig dieser auch bleiben mag. Dies legt folgende Überlegung nahe: Wenn die Automatismen von nun an vornehmlich unter dem Gesichtspunkt ihrer Entlastungsfunktion – sei es für menschliche Gehirne, Institutionen oder Systeme – beobachtet werden, haben sie dann ihren Schrecken verloren?

Um einen ökonomischen Vergleich heranzuziehen: Die jeweilige Lesart würde mit den Beschreibungen Adam Smiths sowie Garrett Hardins für die systemischen Effekte des Verhaltens von Marktteilnehmern korrespondieren.[7] Während Smiths Metapher der Invisible Hand das Augenmerk auf den wundersamen Vorgang lenkte, nach dem das egoistische Profitstreben von Individuen eine Nationalökonomie durch die ausgleichenden Kräfte von Angebot und Nachfrage in einen Zustand der Prosperität überführe – ungebrochenes Credo der Neoliberalen –,  wendete Hardin dagegen ein, dass es auf vergleichbare Weise zum Zusammenbruch des Systems führen könne, wenn jeder Einzelne sein Agieren als braver homo oeconomicus rein am subjektiven Nutzen ausrichte. Seine Tragedy of the Commons beschreibt eine unvermeidliche Teleologie des Desasters, exemplifiziert an der von vielen Hirten gemeinsam genutzten Weidefläche.

Each man is locked into a system that compels him to increase his herd without limit—in a world that is limited. Ruin is the destination toward which all men rush, each pursuing his own best interest in a society that believes in the freedom of the commons. Freedom in a commons brings ruin to all.[8]

In ebenjener Unvermeidlichkeit des outcomes liegt die Tragik des Geschehens. Hier zitiert Hardin den Philosophen Alfred North Whitehead: “The essence of dramatic tragedy is not unhappiness. It resides in the solemnity of the remorseless working of things.”[9]

Das „remorseless working of things“ erscheint aus einer bestimmten Perspektive – meistens der Profiteure eines gegebenen, wie von Zauberhand ablaufenden Prozesses – als zuträglich, insofern es Verantwortung delegiert und kognitiv entlastet. Dieser Vorgang ist nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in Politik (Sachzwang-Rhetorik) und Technik (Datenschutz-Werkseinstellungen) verbreitet. In all diesen Sphären wird auf je spezifische Weise Komplexität reduziert. Das Tragische, unter Umständen Katastrophische der Automatismen spielt in einer solchen Perspektivierung keine Rolle. Goethes Zauberlehrling markiert den Übergang von dieser Sicht auf die Dinge zur allmählichen Erkenntnis einer Problemlage. Der autonome Besen schöpft und schöpft das Badewasser, während dem tatenlos zusehenden Lehrling die Einsicht dämmert, dass es so nicht ad infinitum weitergehen können werde. Günther Anders stellte provozierend heraus, dass diese späte Einsicht heute häufig ausbleibt, dass die Zeitgenossen den prekären Automatismus der sich akkumulierenden, zu Netzen zusammenschließenden Technik nicht als solchen identifizierten.[10] Insofern seien wir gar eher in der Position des telos-los tätigen Geisterbesens als des nachgerade beneidenswert problembewussten Zauberlehrlings.

Die Neuausrichtung des Kollegs sollte folglich nicht dazu führen, dass die unhintergehbare Ambivalenz der Automatismen, ihre Janusköpfigkeit, restlos in einem hochwirksamen funktionalen Arrangement aufgeht. Stattdessen sollte es ein zentrales Anliegen sein, gerade das Moment der Eigendynamik zu betonen, das die Automatismen auszeichnet. Stereotype beispielsweise reduzieren freilich Komplexität, doch es käme kaum in den Sinn, exklusiv ihre reine Funktionalität und Dienstbarkeit herauszukehren.  Automatismen mögen zweckdienliche Kulturtechniken sein, zu fraglos gewordenen Werkzeugen macht sie das noch lange nicht.

Timo Kaerlein
August 2012


[1] Norbert Wiener, God and Golem Inc. A Comment on Certain Points where Cybernetics Impinges on Religion,  Cambridge, MA, 1964, S. 59.

[2] Vgl. ebd., S. 57.

[3] Günther Anders, Der Zauberlehrling, Hessischer Rundfunk, Mai 1966, Typoskript im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien (Hervorhebung T. K.). Diese Passage findet sich fast wortgleich in Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen 2. Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, 3. Aufl., München 2002 [1980], S. 402. Hier wird allerdings das Wort „Automatismus“ durch die Formulierung „autonomen bzw. automatischen Wirksamkeit“ ersetzt.

[4] Vgl. Christina L. Steinmann, These 11: Automatismen wirken bedrohlich ― und faszinierend, in: Hannelore Bublitz/Roman Marek/Christina L. Steinmann/ders. (Hg.), Automatismen, Paderborn, 2010, S. 120-125.

[5] Vgl. Marshall McLuhan, Understanding Media. The Extensions of Man, London, 2001 [1964], S. 378-292.

[6] Profil des Graduiertenkollegs „Automatismen“, online unter: http://www.uni-paderborn.de/institute-einrichtungen/gk-automatismen/profil-des-graduiertenkollegs/, zuletzt aufgerufen am 27.08.2012.

[7] Vgl. Adam Smith, An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, elektronische Ausgabe, Net Library, Inc., OA 1776 und Garrett Hardin, „The Tragedy of the Commons“, Science 162, 1968, S. 1243-1248. Zu ersterem vgl. weiterhin den Band Hannelore Bublitz, Irina Kaldrack, Theo Röhle, Hartmut Winkler (Hg.), Unsichtbare Hände. Automatismen in Medien-, Technik- und Diskursgeschichte, Paderborn, 2011, darin besonders den Beitrag von Harun Maye, „Die unsichtbare Hand – Zur Geschichte einer populären Metapher“.

[8] Hardin (1968), Tragedy of the Commons, S. 1244.

[9] Ebd. Das Zitat stammt aus Alfred North Whitehead, Science and the Modern World, New York, 1948, S. 17.

[10] Vgl. Anders (2002), Antiquiertheit des Menschen 2, S. 401-403.

Das kybernetische Erbe der Piratenpartei

Den politisch aktiven Piraten wird häufig Planlosigkeit unterstellt, wenn ihre gewählten Vertreter auf Fragen nach Zielsetzungen und Bitten zu Stellungnahmen mit Achselzucken und einem “Dazu kann ich nichts sagen”, “Ich habe keine Ahnung” oder “Die Partei hat sich zu diesem Thema noch keine Meinung gebildet” reagieren. Ich möchte im Folgenden versuchen zu zeigen, dass diese exponierte Planlosigkeit symptomatisch und sogar programmatisch ist für eine Partei, die es sich hoch anrechnet, ein eigenständiges Demokratieverständnis zu pflegen, das vor allem auf eine breite Beteiligung der Basis bei Abstimmungen und eine damit verbundene reine Moderatorenrolle ihrer Vertreter setzt. Ihr historisches und ideelles Vorbild sind Vorstellungen kybernetischer Regierung, adaptiert für den netzdemokratischen Kontext.

Claus Pias: Kybernetik und Politik

Claus Pias führt am Beispiel der “Realfiktion” des computergestützten politischen Steuerungsapparats Cybersyn im Chile der 1970er (»Der Auftrag. Kybernetik und Revolution in Chile«, in: Politiken der Medien, Hrsg. D. Gethmann/M. Stauff, Zürich/Berlin (diaphanes) 2004, S. 131-154) aus, wie die Kybernetik einen Modus von Politik erträumt, der in vielerlei Hinsicht eine Vorwegnahme nach wie vor kursierender Vorstellungen von e-government (ebd., S. 148) war. Der vom Mastermind des chilenischen Projekts, Stafford Beer, erdachte, selbstregulierende Mechanismus einer Psycho-Kybernetik evoziert das (utopische? dystopische?) Szenario einer Echtzeit-Politik, in der jede politische Stellungnahme oder Aktion vom fernsehschauenden Publikum mit instantanem Feedback evaluiert werden kann.

So und nicht anders stellte Beer sich die Partizipation elektrifizierter Politik und die Echtzeit-Validierung des staatlichen Programms vor: Noch während die Leute den Parlamentsreden am heimischen Fernseher folgen, drehen sie ihren (diesmal analogen) Glücksknopf in den roten oder grünen Bereich. Über das Telefonnetz werden die wechselnden Spannungen übertragen, gesammelt, gemittelt und sofort als Balkendiagramm in das Fernsehbild und auf dem Monitor des Redners eingeblendet. Ein Kreisschluss beginnt: Der Politiker weiß, dass die Leute wissen, dass er weiß – und die Leute wissen, dass der Politiker weiß, dass die Leute wissen, dass er weiß… – und so weiter. Gute Politik ist fortan die, die dem Volk ein gutes Gefühl gibt – ein Gefühl im grünen Bereich, falls es schon Farbfernseher besitzt. (Ebd., S. 149)

Je nach Perspektive ist dieser medientechnisch zu realisierende Regelkreis Ausdruck einer traditionell linken Sehnsucht nach dem Rückkanal (Brecht, Enzensberger), der schrankenlose Partizipation ermöglicht – oder die “Entgrenzung des Politischen” (Pias, 150) in einer sich gerade ausdifferenzierenden Kontrollgesellschaft. Am Populismus scheint jedenfalls kein Weg vorbei zu führen, wenn Politik als unvermittelte doppelte Kontingenz zwischen Wählenden und politischen Vertretern gedacht wird. Der im Landtag sprechende Pirat muss schon höllisch aufpassen, was er sagt, wenn seine (mal mehr, mal weniger wohlwollenden) Parteigenossen während einer Debatte schon die Smartphones zücken, um ihre Live-Evaluation seiner Äußerungen ins WWW zu zwitschern.

Das kybernetische Regierungsmodell, das sich aus konstant durchlaufenen Feedback-Schleifen speist, die Indikatoren über alle möglichen politisch relevanten Entwicklungen liefern (in Demokratien: vornehmlich eben auch die augenblicklichen Befindlichkeiten des Wahlvolks), ist durchaus radikal. Es stellt in letzter Konsequenz die Notwendigkeit einer Ebene der Repräsentation (aktuell: die parlamentarische Demokratie) in Frage zugunsten einer umfassenderen politischen Teilhabe aller (hier: internetaffinen) BürgerInnen. Zwar erlaubt das Liquid Democracy-System die Delegation von Stimmen an vertrauenswürdige Vertreter, die sich mit ganzer Energie einer politischen Karriere widmen können. Dennoch ist es softwareförmiges Resultat eines postideologischen Politikverständnisses (vgl. dazu Claus Pias (2004): “Zeit der Kybernetik”, in: ders. (Hg.): Kybernetik. The Macy conferences 1946-1953, 2004: diaphanes, Band II – Essays und Dokumente, S. 9-42: 35f.), in dem der/die einzelne WählerIn es von Situation, Ressort und Tageslaune abhängig machen kann, wem er/sie die Stimme schenkt oder auch wieder entzieht. So wird häufig von Piraten imaginiert, wie flexibel es doch wäre, wenn man in Umweltfragen seine Stimme einem Grünen leihen könnte und die wirtschaftlichen Entscheidungen einem CDU-Politiker überlassen. Die eigentliche Rolle der politischen Vertreter der Piratenpartei ist denn auch die von Moderatoren (nach dem Vorbild der Forenadministration im Internet), die im erwünschten Fall keine eigene Agenda verfolgen, sondern ihre politischen Überzeugungen minutenaktuell aus diversen Feeds, Kommentaren, @-Replies und Postings speisen können. Sie dienen als Relais für die Interessen der Basis, so vorläufig diese von Moment zu Moment artikuliert werden.

Eine kleine empirische Ergänzung

Der im Mai 2012 zum Landesvorsitzenden der Rheinland-Pfälzer Piraten gewählte Heiko Müller macht denn auch keinen Hehl aus seiner Liebe fürs Kybernetische. Seinem ausgefüllten “Fragebogen der AG Kandidaten” im Wiki der Bundespiraten ist – der Netztransparenz sei Dank! – zu entnehmen, dass er sich für die “Vernetzung mit kybernetischen Grundlagen als Gegengewicht zur Alternativlos-Politik” stark macht. Auf die Anfrage eines anderen Users antwortet Müller, dass seine Lebenserfahrung mit “schwerpunktmäßigen Interessen in Philosophie und Kybernetik” ihn in besonderer Weise für das Amt des Landesvorsitzenden qualifiziert. In seinem Blog lässt sich seine Auffassung  von der Piratenpartei nachlesen. Insbesondere die schwärmerische Vernetzungsidee im Sinne einer kollektiven Intelligenz ist instruktiv. Explizit wird auf Ashby’s Law rekurriert, das lautet: “The larger the variety of actions available to a control system, the larger the variety of perturbations it is able to compensate.”

Parteien sind in einem solchen Politikverständnis entbehrlich und erscheinen als Verzerrung der politischen Willensbildung sowie als die Variabilität eines Systems unnötig limitierender Faktor. Gerade die Krise ruft also (wie im Falle Chiles vor ca. 40 Jahren) nach dem Tod des Steuermanns (vgl. Pias (2004): Der Auftrag, S. 131f.). Palinurus, der Steuermann des Æneas, musste ins Meer stürzen, damit das Schiff sein von den Göttern auserkorenes Ziel erreichen konnte. Heute wird dieser Ruf wieder laut, um einer hochgradig kontingenten Umwelt gerecht zu werden, deren Perturbationen das System ernsthaft zu gefährden scheinen. Die Piraten haben das Schiff gekapert, der Steuermann steht am Ende der Laufplanke, das tosende Meer unter sich. Die demokratische Willensbildung wird über sein Schicksal und eventuell anfallende Kursänderungen entscheiden.

 

Verklanglichung des Twitter-Universums

#tweetscapes ist ein wunderbares Projekt des Künstler-Kollektivs HEAVYLISTENING in Kooperation mit Deutschlandradio Köln, einer Forschungsgruppe an der Universität Bielefeld und der Universität der Künste Berlin. Es geht dabei um eine Visualisierung und Vertonung von Tweets, die in Echtzeit auf eine Deutschlandkarte gemappt werden. Einzelnen Hashtags werden dabei wiedererkennbare Laute zugewiesen, Retweets durch Pfeile markiert und @Replies (direkte Konversationen zwischen Twitter-Mitgliedern) werden zum Flüstern im Hintergrund. So wird aus dem Gezwitscher im Netz ein Konzert für die Sinne. Und das alles bottom-up und ohne Dirigenten.

Research is a gamble

Ein kurzes Update aus Japan. Ich konnte am letzten Freitag ein ausführliches Gespräch mit Hiroshi Ishiguro führen, das ich hier nicht in aller Ausführlichkeit wiedergeben möchte. Seine abschließenden Worte fand ich recht interessant. Auf die Frage, wie er sich die Welt persönlicher Telekommunikation in 10-20 Jahren vorstelle, antwortete er sinngemäß, dass die Medienentwicklung sich anhand von Logiken vollziehe, die sich unserer Einsicht entziehen. Das betrifft nicht nur Zukunftsprognosen, sondern auch die Beschreibung von Gegenwartsphänomenen.

Why are we using iPhones now? We don’t have a strong vision about that. Maybe in 30 years, everybody will start using Elfoid. That is also a possibility. (Hiroshi Ishiguro, persönliche Mitteilung, 24.02.2012)

Er gestand zwar zu, dass z.B. das Design des iPhones eine Rolle für seinen Erfolg spielen mag (“Steve Jobs was great.”), aber letztendlich sei jede Forschung und Entwicklung von Produkten bis zu einem gewissen Grad ein Glücksspiel.

One of the important things is to have a gamble. Research is a gamble. We need to be gamblers. (ebd.)

In Ishiguros Sicht ist Forschung also nicht nur im engeren Sinn als Tinkering zu verstehen (der gängige Modus der Erkenntnisgenerierung in den Technowissenschaften), sondern darüber hinaus als aleatorische Spielerfahrung (vgl. Roger Caillois, Die Spiele und die Menschen, Maske und Rausch, Stuttgart 1960 [frz. OA 1958]). Man macht seinen Einsatz und schaut dann, was dabei herauskommt. Das Ergebnis ist genauso wenig vorhersehbar wie der tatsächliche Verlauf des Spiels (die Umdrehungen der Roulettescheibe).

Mit dieser Situation des Ausgeliefertseins an ein Schicksal, das je nach Sichtweise z.B. als Gott oder statistischer Zufall gedacht werden kann, ist aber auch eine Lusterfahrung verbunden. Ishiguro sagte die oben stehenden Worte mit einem Lachen und leuchtenden Augen, er ist ein Spieler, affiziert von einer Dynamik, die nicht seiner subjektiven Verfügungsgewalt unterliegt. Das Faszinosum des Automatismus entwickelt einen suggestiven Sog, der den Spieler völlig in Beschlag nimmt und ihn möglicherweise dazu verleitet, den Einsatz immer höher zu treiben.

Als ich mit meiner Anschlussfrage versuchte, das spannende Thema zu vertiefen, war Ishiguro ironischerweise in sein iPhone vertieft. Er blickte irritiert auf, entschuldigte sich und bat mich, die Frage zu wiederholen. In diesem Moment kündigte seine Sekretärin per Zuruf den nächsten Gast an und das Gespräch war beendet.

Leibliche Automatismen in der Telepräsenz-Robotik

Ich hatte gestern die einmalige Gelegenheit, verschiedene am ATR in Kyoto entwickelte Telepräsenz-Roboter aus nächster Nähe kennenzulernen und auch selbst den Sitz des Operators zu übernehmen. Zunächst das bekannteste Modell Geminoid HI-2, anschließend auch das Modell Telenoid (im Bild). Die beiden Roboter repräsentieren diametral entgegengesetzte Ansätze, einen Effekt zu produzieren, der in der japanischen Philosophie als sonzaikan bezeichnet wird – das Gefühl der leiblichen Kopräsenz aus Sicht des Gesprächspartners. Während bei Geminoid auf ein Maximum an Menschenähnlichkeit gesetzt wird, sodass er seinem Erfinder Hiroshi Ishiguro zum Verwechseln ähnelt, hat der Telenoid nur rudimentär anthropomorphe Züge. Auf diese Weise soll er als neutrale Projektionsfläche dienen, die erst in Kombination mit Mimik, Gestik und Stimme des Gesprächspartners den Eindruck von Präsenz hervorrufen soll.

Telenoid-Roboter

Telenoid R1 was developed by Osaka University and ATR Hiroshi Ishiguro Laboratory.

Generell geht es bei Telepräsenz-Medien (dazu zählt u.a. auch die Tele-Chirurgie) darum, re-embodiment zu verwirklichen. Im Idealfall bedeutet das, der/die AnwenderIn der Technologie erhält das Gefühl, als sei er/sie in einer räumlich entfernten Umgebung anwesend, während dort befindliche InteraktionspartnerInnen ihn/sie ebenfalls als kopräsent wahrnehmen. Genau hier liegt in der Sicht der IngenieurInnen ein entscheidendes Defizit gegenwärtiger Videoconferencing-Technologien, die nämlich genau an der Erzeugung dieses Präsenzeffekts scheitern und dadurch Missverständnisse befördern sowie potenziell eine entfremdende Wirkung haben.

Aus Automatismenperspektive ist die Telepräsenz-Robotik ein ergiebiges Feld. Die leibliche Anwesenheit an einem Ort und mit dem eigenen Körper als unhintergehbarer und vorreflexiver Voraussetzung jeder Erfahrung (z.B. von Wahrnehmungen) ist das zentrale Thema der Leibphänomenologie nach Husserl und Merleau-Ponty. Der Leib (lived body) zeichnet sich in der Perspektive der Phänomenologie im Normalfall durch ein hohes Maß an Transparenz aus, er ist zwar Nullpunkt des Selbst- und Weltbezugs, gleichzeitig aber dem Bewusstsein nicht als Gegenstand vorgesetzt. Das hat auch gute Gründe, denn ein großer Teil der Aktivitäten unseres Körpers läuft automatisch ab, ohne Rekurs auf eine symbolische Ebene. Auf diese Weise wird erst ein reibungsloses und effektives Handeln ermöglicht, wie der pathologische Fall des Ian Waterman beweist. Waterman hat vom Hals abwärts kein Tastempfinden und keine propriozeptiven Eindrücke (ohne dabei jedoch gelähmt zu sein), wodurch er buchstäblich genötigt ist, jeden Schritt bewusst und unter Zuhilfenahme der visuellen Wahrnehmung zu tun – eine frustrierende Aufgabe mit hohem Aufwand an kognitiven Ressourcen.

Was hat das jetzt mit Robotik zu tun? Die Ingenieure stehen hier vor einer Herausforderung: Wie bekommt der/die AnwenderIn das Gefühl, an einem Ort wirklich anwesend zu sein, inklusive des damit empfundenen Verantwortungsgefühls für eigene Handlungen und einem angemessenen Risikokalkül? Es gibt Indizien dafür, dass das re-embodiment bereits erstaunlich gut funktioniert. So berichten Ishiguro und seine Forschungsstudenten von dem sonderbaren Gefühl des phantom poke, wenn sie auf einer Videokamera sehen können, dass jemand den Roboter, den sie fernsteuern, unerwartet anstößt. Ähnliche Beobachtungen machte eine schwedische Forschergruppe um Henrik Ehrsson bei Experimenten mit Schaufensterpuppen, die durch ein verhältnismäßig schlichtes technisches Setup von Versuchspersonen als eigene Körper wahrgenommen wurden (Out-of-Body-Experience). Noch vollständiger wird diese Erfahrung vermutlich dann sein, wenn es einen zusätzlichen haptischen Feedback-Kanal gibt. Diese Beobachtungen fordern das Diktum der Phänomenologie heraus, dass eine Distanzierung von Selbst und Körper unmöglich sei. Jedenfalls scheinen technische Medien das Potenzial zu haben, an Automatismen des Leibes anzudocken und diese für die Konstruktion von Telepräsenz-Szenarien produktiv zu machen.

Mehr zum Zusammenhang von Telepräsenz, re-embodiment und Phänomenologie des Leibes findet sich in einem lesenswerten Aufsatz von Luna Dolezal.

Von Zen-Automatismen und Zombies

Ich bin gerade beim Lesen von Ruth Benedicts kulturanthropologischem Klassiker Chysantheme und Schwert. Formen der japanischen Kultur auf einen interessanten Automatismen-Bezug gestoßen, der sich wunderbar mit einer These von Hannelore Bublitz aus dem ersten Automatismen-Band verbinden lässt. Die These lautet: Automatismen beinhalten einen qualitativen Sprung: Aus der wiederholten Einschleifung durch Übung entsteht – paradoxerweise –  gerade das Neue: spielerisch-mühelose Perfektion.

Im vom Zen-Buddhismus geprägten japanischen Verständnis lassen sich Techniken der Selbstdisziplinierung in zwei analytische Kategorien aufteilen. Zum einen geht es um den Erwerb bestimmter Kompetenzen (Bogenschießen, Kalligraphie, einzelne Wissensbestände), zum anderen aber auch um die Erreichung eines Zustands der Erfahrenheit (jap. muga).

Der Zustand der Erfahrenheit beschreibt das diesseitige oder religiöse Erlebnis, das sich einstellt, wenn sich zwischen dem Willen eines Menschen und seinem Tun “keine Kluft auftut, nicht einmal von der Dicke eines Haares”. Bei Menschen, die den Zustand der Erfahrenheit nicht erreicht haben, steht gleichsam ein nicht leitender Schirm zwischen dem Willen und der Tat. Sie nennen dies das “beobachtende Ich”, das “störende Ich”, und wenn es durch spezielle Übungen ausgeschaltet ist, verliert der Erfahrene die Empfindung dafür, daß “ich es tue”. Der Stromkreis wird durch nichts mehr unterbrochen. Die Tat gelingt mühelos. (Ruth Benedict, Chrysantheme und Schwert. Formen japanischer Kultur, Frankfurt/M. 2006 [amerikanische OA 1946], S. 207)

Selbsttechnologien der meditativen Versenkung in eine Tätigkeit, die zehntausendfach wiederholt ausgeführt wird, führen also zur Ausschaltung des beobachtenden Ichs aus einem Tätigkeitsablauf. Handlungsziel und Handlungsdurchführung fallen zusammen, sobald man aufhört, sein Handeln auf einer reflexiven Ebene quasi als Zensor zu begleiten. Wie Hannelore Bublitz schreibt:

Aus der wiederholten Einschleifung von Mustern und Schemata entsteht quasi ‘unter der Hand’ etwas qualitativ Neues, nämlich ein Handeln ohne Nachdenken, ein Können, das über bloße Fertigkeiten hinausgeht: Perfektion, Virtuosität. Die Wiederholung des Automatismus bewirkt also einen qualitativen Sprung, eine Transformation nach dem Muster: Übung macht den Meister. (Hannelore Bublitz, These 2 (s.o.), in: dies./Roman Marek/Christina L. Steinmann/Hartmut Winkler, Automatismen, S. 23-26:24.)

Besonders interessant ist eine sich daraus ergebende Redewendung, die diese Grundeinsicht zum Ausdruck bringt. Die Japaner sprechen von jemandem, der seine höchste Leistungsfähigkeit erreicht hat, weil er sein Bewusstsein bei der Erfüllung einer spezifischen Aufgabe ausschalten kann (der also den Zustand der Erfahrenheit erreicht hat), als von einem Menschen (Obacht, Zombologen!), “der lebt, als ob er schon tot wäre” (Benedict, Chrysantheme und Schwert, S. 218). Z. B. in der Formulierung: “Mach die Prüfungen wie jemand, der schon tot ist, dann bestehst du sie mit Leichtigkeit” (ebd.). Der Zustand des Wie-Tot-Seins befreit von Verpflichtungen, Ängsten, Zweifeln; jeglichen Hindernissen also, die sich zwischen die Handlungsabsicht und ihre Durchführung stellen.

Es könnte lohnend sein, unseren Blick ein wenig zu erweitern, und kulturvergleichende Analysen mit einzubeziehen, wenn wir den Automatismen als Kulturtechniken zur Reduzierung von Komplexität auf die Spur kommen wollen. Und ganz offensichtlich wollen die Zombies auch einfach nicht sterben, sondern begleiten uns wie ein theoretischer Schatten.