Die Extremfälle von weitgehend ionischer und rein kovalenter Bindung sind eigentlich nur in relativ wenigen Beispielen realsiert. So kann man bei den homonuklearen zweiatomigen Nichtmetallmolekülen wie H2, N2O Cl2 von rein kovalenter Bindung sprechen; die Elektronenverteilung zwischen den Atomen ist völlig symmetrisch. Die ausgeprägtesten Beispiele für ionische Bindung liefern die Verbindungen aus Metallen mit niedriger Ionisierungsenergie und Nichtmetallen mit hoher Elektronenaffinität; das sind die Alkali- und Erdalkalihalogenide und -oxide. Die meisten Verbindungen lassen sich irgendwo zwischen den Extremen einordnen. Ein deutlicher Hinweis hierauf ist die Polarität von Atombindungen, die am Beispiel von NO und HF bereits behandelt wurde.
Stellt man sich die Annäherung zweier kugelförmiger Ionen mit entgegengesetzter Ladung vor, so zieht das Kation die Elektronenhülle des Anions an und deformiert sie mehr oder weniger stark. Nimmt die Deformierung (Polarisierung) des Anions stärkere Ausmaße an, so wird die Bindung immer kovalenter; die Elektronendichte zwischen den Bindungspartnern wächst, und der ionische Bindungscharakter nimmt ab:
Die Fähigkeit eines Kations die Elektronenhülle eines benachbarten Anions zu polarisieren hängt von der Ladungskonzentration am Kation ab; kleine und hochgeladene Kationen polarisieren am stärksten. Andererseits lassen sich große mehrfach geladene Anionen am leichtetsten polarisieren, da hier die äußersten Elektronen weit vom Kern entfernt sind. - D.h. kleine und hochgeladene Kationen sind in Verbindungen als solche garnicht existenzfähig, denn die Polarisierung des Anions führt zu Elektronendichte zwischen den Bindungspartnern und damit zu mindestens teilweise kovalenter Bindung.
So sind die Metall-Nichtmetall-Verbindungen SnCl4 und PbCl4 keine salzartigen Substanzen, sondern Flüssigkeiten. Vierfach geladene Kationen sind nicht existent, denn ihre stark polarisierende Wirkung führt zu polarisierten kovalenten Bindungen, d.h. die genannten Verbindungen liegen molekular vor. Ähnliches gilt für die festen, aber leicht sublimierbaren Verbindungen MoCl5 = Mo2Cl10, WCl6 und OsO4. Metall-Nichtmetall-Verbindungen besitzen also keineswegs immer ionischen Charakter.
Das Problem der Bindungen mit gemischtem Charakter läßt sich auch vom Standpunkt der kovalenten Bindung her sehen, nämlich als Polarisierung der Bindungselektronen zum elektronegativeren Partner hin:
Das Ausmaß der Polarisierung der Bindungselektronen wird von der Elektronegativitätsdifferenz der Bindungspartner bestimmt. Im Fall des Lithiumfluorids ist das Bindungselektronenpaar auf das elektronegativere Fluor übergegangen.
Der starken Wechselwirkung in ionischen Substanzen (elektrostatische Anziehung der Ionen) steht eine relativ schwache zwischenmolekulare Wechselwirkung in Stoffen gegenüber, die aus Molekülen aufgebaut sind. Die unterschiedliche Stärke der Wechselwirkungen findet ihren Ausdruck in sehr unterschiedlichen makroskopischen Eigenschaften der Substanzen wie Härte oder Flüchtigkeit. Allerdings treten Stoffe mit kovalenter Bindung nicht nur in als Moleküle, sondern auch als kovalente Feststoffe auf (z.B. Diamant).