Ein Beitrag von Reinhard Feiter

Heilige Textilien in Aachen

Ein jedes historisches Museum freut sich über erhaltene Kleidung bedeutender Personen und konserviert sie mit großem Aufwand. Auch privat verwahren Menschen bisweilen abgelegte Kleidungsstücke: weil die Betreffenden sie an Knotenpunkten ihres Lebens selbst getragen haben, etwa das Brautkleid, oder weil sie an andere erinnern, z. B. die ersten Schuhe von Tochter oder Sohn. Einerseits ist es also so außergewöhnlich nicht, wenn in Aachen textile Reliquien, alte Stoffe bzw. Kleidungsstücke, zu finden sind, die zu Erinnerungsstücken geworden sind.

Andererseits, dass in Aachen – nach der Überzeugung von Generationen von Gläubigen – die Windeln Jesu, das Lendentuch, das er am Kreuz getragen habe, das Kleid Mariens von Betlehem und das „Enthauptungstuch“ Johannes des Täufers (das Tuch, in das nach der Enthauptung sein Leichnam gehüllt worden sei) verwahrt sein sollen, das scheint dann doch den Rahmen dessen zu sprengen, was aufgeklärten Menschen zumutbar ist. Zudem ist der Aufbewahrungsort dieser Textilien, der „vier großen Heiligtümer“,  nicht eine Museumsvitrine. Der so genannte „Marienschrein“, der sie seit 1239 birgt, ist wenige Meter hinter dem Altar des Domes aufgestellt, und wenn die Reliquien dem Schrein entnommen werden, geschieht dies in gottesdienstlicher Feier – was nicht nur evangelische Christinnen und Christen irritieren mag.

So schlichtweg vergleichbar mit den eingangs genannten Erinnerungsstücken sind die Aachener Heiligtümer also nicht; und aus touristischer Perspektive ist die ganze Angelegenheit sogar höchst enttäuschend. Entnommen werden die Reliquien ihrem Behältnis nämlich seit 1349 nur alle sieben Jahre für einige Tage, bei der „Aachener Heiligtumsfahrt“. D. h., das Gros der Menschen, die den Dom besuchen, bekommen sie überhaupt nicht zu sehen.

Verkehrte Welt – jedenfalls für den in musealen Räumen eingeübten Blick und für das dort erlernte Verhalten. Was aus früheren Zeiten stammt, wollen wir sehen, werden aber auch allein sehend uns zu ihm verhalten. Wer im Museum vor einem Reliquiar eine Kerze entzündet oder ein Kirchenlied anstimmt, wird des Hauses verwiesen. Wir schauen uns die fremden und befremdlichen Zeugnisse der Vergangenheit an, und betrachten sie als Relikte einer Welt, in der wir gerade nicht leben.

Mit Bezug auf Joseph Beuys, der Museen als geistige Forschungsstätten verstanden hat, wo Materialien und Formen zu denken geben, hat der Bildtheologe Alex Stock allerdings die Theologie in die Kirchen verwiesen, quasi als deren angestammte Laboratorien, wo gelebte Religion sie mit Versuchsanordnungen des Glaubens konfrontiert, die auch heute noch zum Experimentieren einladen. Die Aachener Heiligtümer könnten eine solche Versuchsanordnung sein, und vielleicht sogar eine, die gerade Kinder und Jugendliche herausfordert.

Das wird nicht heißen, auf historische Information schlichtweg zu verzichten. Aber es könnte sein, dass eine Aufmerksamkeit für die Konstellation, für die „Anordnung“, die in Aachen begegnet und in der in Aachen diese Reliquien begegnen, dabei von besonderer Bedeutung ist:

Die Aachener Heiligtümer sind textile Reliquien: alte fleckige Stoffe und bis auf das tunikaartige Marienkleid eigentlich Lumpen. Es sind – zeichentheoretisch gesprochen – nicht Ikonen, sondern Spuren. Während das ikonische Zeichen nämlich das Bezeichnete abbildet, gibt die Spur Eigenschaften des Bezeichneten wieder, und zwar indem sie ein Ereignis bezeugt: Die Heiligtümer werden verehrt als „Erinnerungszeichen der Menschwerdung Jesu Christi“ (Klaus Hemmerle), als Verweise auf seine Geburt und seinen Tod (sowie den Tod seines Zeugen Johannes).

Dazu werden die verwahrten Textilien allerdings durch ihre Rahmung. Wie gesagt, besteht diese in der Regel aus dem Schrein, der – was dem Umgang mit Reliquien bis hinein ins 13. Jh. entspricht – die Stoffe den Blicken gerade entzieht, sie zugleich aber bezeichnet. Ob die Figuren und Reliefs des Schreines auf seinen Inhalt verweisen, ist umstritten, doch schon seine Form, die einschiffige Kirche mit Querhaus, und sein kostbares Material sind Auslegung seines Inhalts. Daran wird auch eine kritische Auseinandersetzung anknüpfen können, und was hindert, Variationen auszuprobieren.

Ohne jegliche Rahmung geht es freilich nicht. Werden die Reliquien bei der Heiligtumsfahrt dem Schrein entnommen, werden sie denn auch nicht einfach ausgestellt, sondern gezeigt. Die Formen der Zeigung haben sich im Laufe der Geschichte verändert, aber bis heute ist sie ein höchst sprachliches Geschehen. Zeigen, etwas zu sehen geben, heißt hier, die aufgefundenen und verwahrten Stoffe mit dem Stoff der biblischen Erzählungen in Verbindung zu bringen.

Doch nicht die biblischen Erzählungen gewinnen dadurch eine ihnen fehlende „Anschaulichkeit“, sondern unser eigenes geburtliches und sterbliches Leben. Glauben heißt, Erfahrungen machen mit Erfahrungen. Die Aachener Heiligtümer laden dazu ein – material- und formenreich.