Forum: Kritik an Rudolf Steiner
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Thesenpapier von Prof. Dr. Peter Schneider zur Veranstaltung: Antijudaismus bei Rudolf Steiner?

Anläßlich des Vortrages von Dr. Jan Badewien zum selben Thema am 23.01.2002

Veranstalter: Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Paderborn

  1. These: Die historische Mission des jüdischen Volkes

    "Da alles dasjenige, was die Juden getan haben, jetzt in bewusster Weise von allen Menschen z.B. getan werden könnte, so könnten die Juden eigentlich nichts besseres vollbringen, als aufgehen in der übrigen Menschheit, sich vermischen mit der übrigen Menschheit, so dass das Judentum als Volk einfach aufhören würde. Das ist dasjenige, was ein Ideal wäre. Dem widerstreben heute noch viele jüdische Gewohnheiten - und vor allen Dingen der Hass der anderen Menschen. Und das ist gerade dasjenige, was überwunden werden müsste."
    (GA 353, Dornach 1992, S. 202, Arbeitervortrag vom 8.5.1924 in Dornach).
    Rudolf Steiner sieht hier die Vorreiterrolle des Judentums als "auserwähltes Volk":
  • Das alttestamentliche Judentum bringt den Monotheismus hervor mit der Fähigkeit zum bildlosen Denken zur Abstraktion, dies führt zur Verinnerlichung des Denkens und Bewusstseins und bereitet die Ich-Entwicklung vor.
  • Schaffung einer normativen Ethik mit dem mosaischen Dekalog.
  • Ermöglichung des Christus-Impulses und damit der Befreiung des Intellekts und der Ethik aus Abstraktion und Gesetz (Paulus als Brückenbauer).
Diese historische Leistung ist von unvergleichlicher Tragweite. Das jüdische Volk hat als das auserwählte Volk des Alten Testaments seine vergangene Mission erfüllt und befindet sich seitdem in der Vorreiterposition, das nationale Prinzip zu überwinden zugunsten einer Menschheitskultur.
Aus dieser Blickrichtung erscheint der Zionismus, also die Schaffung eines eigenen jüdischen Nationalstaates, als Rückfall in den Nationalismus und außerdem als defensive Reaktion auf den unberechtigten Antisemitismus. Steiner sieht hier den Ausgangspunkt einer neuen Spirale der Gewalt im Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden.
  1. These: Das neue michaelische Zeitalter

    "Die Menschheit strebt im Anfange der Kulturzustände nach Entstehung sozialer Verbände, im Interesse dieser Verbände wird zunächst das Interesse des Individuums geopfert; die weitere Entwicklung wird zur Befreiung des Individuums von dem Interesse der Verbände und zur freien Entfaltung der Bedürfnisse und Kräfte des Einzelnen" (GA 31, Dornach 1966, S. 255 f., Aufsatz aus dem Jahr 1898)
  • Zum Ende des 19. Jahrhunderts beginnt für Steiner ein neues Zeitalter: das von ihm Michael-Zeitalter genannt wird und das vorhergehende Gabriel-Zeitalter ablöst. Darin drückt sich die Entwicklung aus von der Blutsverwandtschaft, dem blutsmäßig Rassischen und Nationalem hin zur geistigen Wahlverwandtschaft und zum Kosmopolitischen.
  • Die Konsequenzen für den Staat und den Einzelnen sind im Sinne eines dialektischen Entwicklungsbegriffes zu verstehen: Entwicklung nicht als lineares Fortschreiten, sondern schöpferische Neugestaltung. Das Alte wird nicht negiert oder vernichtet, sondern aufgehoben.
  • Dieser dialektische Entwicklungsbegriff wird von Steiner auf alle traditionellen Offenbarungsreligionen angewandt, auf das Judentum, die konfessionellen christlichen Kirchen, den Islam. Er kritisiert die fundamentalistische Interpretation und die normative Ethik. Auch das traditionelle Denken selbst muß sich in einem dialektischen Prozeß schöpferisch neu gestalten. Im übrigen gilt dies auch für die Anthroposophie selbst.
  1. These: Die neue Sozialordnung
  • Für eine neue Gesellschaftsordnung sieht er in Deutschland die Gefahr eines pangermanischen Nationalismus, der zudem als Rechtfertigung des Antisemitismus gilt. Steiner hat schon sehr früh - übrigens am 11. September 1901 - in einer Buchbesprechung des Literaturhistorikers Adolf Bartels darauf hingewiesen:
    "... Adolf Bartels will als `germanischer Mensch´ sein Buch schreiben ... Es fällt mir nicht ein, Herrn Bartels gleichzustellen mit den platten Parteimenschen, die den `germanischen Menschen´ erfunden haben, um damit ein möglichst wohlklingendes Wort für die Rechtfertigung ihres Antisemitismus zu haben ... Aber eines scheint mir gewiß: auf einem ähnlichen Boden, wie die unsinnigen Schwätzereien der Antisemiten, sind doch auch Bartels Auslassungen über den `germanischen Menschen´ erwachsen." (Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus Nr. 37, 11. Jg. Berlin, 11. Sept. 1901)
  • Anstelle des alten nationalen Staates tritt die völlig neue Idee einer sozialen Gliederung, die Steiner unter die Leitbegriffe der französischen Revolution stellt: Freiheit für das geistige und kulturelle Leben,
    Gleichheit für den politischen und rechtlichen Bereich,
    Brüderlichkeit für den Bereich des Wirtschaftens.
  • Praktische Umsetzung durch Steiner:
    1917: Vorschlag einer neuen Friedensordnung für Europa.
    1919: Volksbewegung zur Durchsetzung der Idee des "dreigegliederten sozialen Organismus" in Deutschland, besonders unter Beteiligung der Arbeiterschaft (z. B. Betriebsräte). In diesem Zusammenhang entsteht auch die Waldorfschule.
    1922: Vorschlag zur "Oberschlesien-Frage", die nicht nationalistisch, entweder Polen oder Deutschland, sondern im Sinne der Dreigliederung übernational gelöst werden sollte.
  • In dem von Herzl geplanten zionistischen Palästina-Staat konnte Steiner nur einen rückschrittlichen Nationalistenstaat erblicken, der sich ungünstig auf die Assimilation der Juden auswirkt und den Antisemitismus befördert. Zudem muß dieser Staat zwangsläufig zur Konfrontation mit den ansässigen Palästinensern führen.
  1. These: Die freie Individualität

    "Für mich hat es nie eine Judenfrage gegeben. Mein Entwicklungsgang war auch ein solcher, dass damals, als ein Teil der nationalen Studentenschaft Österreichs anti-semitisch wurde, mir das als eine Verhöhnung aller Bildungserrungenschaften der neuen Zeit erschien. Ich habe den Menschen nie nach etwas anderem beurteilen können als nach den individuellen persönlichen Charaktereigenschaften, die ich an ihm kennen lerne. Ob einer Jude war oder nicht: das war mir immer ganz gleichgültig. Ich darf wohl sagen: Diese Stimmung ist mir auch bis jetzt geblieben. Und ich habe im Antisemitismus nie etwas anderes sehen können als eine Anschauung, die bei ihren Trägern auf Inferiorität des Geistes, auf mangelhaftes ethisches Urteilsvermögen und auf Abgeschmacktheit deutet." (GA 31, Dornach 1966, S. 278 ff., Beitrag von Rudolf Steiner 1900).
  • Die Individualität (Entelechie als sich selbst bestimmende Kraft) ist geistiger Natur und erhebt sich über die biologische Basis des Leibes und der Vererbung. Die Zukunft der Evolution entspringt dem geistigen Selbst des Menschen.
  • Anknüpfend an die normative Ethik des mosaischen Gesetzes und an die Abstraktionsfähigkeit des verinnerlichten Denkens bildet sich in dialektischer Überwindung die freie Individualität.
  • Die mosaische normative Ethik des: DU SOLLST ... muß individualisiert werden, d. h. aus freier Einsicht: ICH WILL ... (ethischer Individualismus).
  • Das verinnerlichte Denken mit seiner Abstraktionsfähigkeit qualifiziert sich zur intellektuellen Anschauung und damit zur unmittelbaren Geistbegegnung. (Erkenntnis - Individualismus). Dies vollzieht sich im Kontinuum eines erkenntniskritischen Denkens (kein Sacrificium intellectus).
  • In dieser Sicht ist die freie Individualität die evolutive Verwandlung des jüdischen Geistes.
  1. These: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen"
  • Steiner selbst war jahrelang Hauslehrer in einer jüdischen Familie und mit dieser zeitlebens freundschaftlich verbunden.
  • Im engsten Umkreis Steiners fanden sich nicht nur Vertreter fast aller europäischen Nationen, sondern auch viele jüdische Mitarbeiter.
  • Die anthroposophische Welt ist wahrlich keine heile Welt, aber Rassismus, Antisemitismus, Anti-Judaismus und Nationalismus sind dem Geiste der Anthroposophie diametral entgegengesetzt. Dies ist in der Wirkungsgeschichte der Anthroposophie eindeutig zu belegen, in unserem Zusammenhang sei hier nur exemplarisch hingewiesen auf die Waldorfschulen in Jerusalem und Nazareth, aber auch auf waldorfpädagogische Initiativen im palästinensischen Gaza-Streifen. Tausende von anthroposophischen Initiativen in Erziehung, Landwirtschaft, Medizin, Heilpädagogik in allen Kulturen rund um den Globus - zeugt das nicht von einem kosmopolitischen internationalen Geist?

Kritik schärft das Gehör für die Zukunft. Wenn wir heute, nach dem Holocaust, mit problematischen Zitaten Steiners konfrontiert werden, kann ich den Vorwurf des Antijudaismus voll nachvollziehen. So kann man heute nicht mehr sprechen.
Ich habe versucht, Steiner aus seiner Zeit und Geisteshaltung heraus verständlich zu machen. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, den schlimmen Vorwurf eines Rassisten, Antisemiten und Antijudaisten zu nehmen. Als Steiner die Assimilationsthese noch 1924, also bis kurz vor seinem Tode, vertrat, konnte er sich die Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland und die Gefahr des Nationalsozialismus nicht vorstellen. Meine Auffassung ist, dass man die Assimilationsthese Steiners nach dem Holocaust in dieser Ausschließlichkeit nicht mehr aufrecht erhalten kann. Daß heute wieder über 90.000 jüdische Mitbürger den Mut haben, in Deutschland zu leben, kann ich nur begrüßen, ebenso wie die Gründung des Staates Israel, dem ich an dieser Stelle ein friedliches Miteinander mit seinen Nachbarn wünsche.

Was die problematischen Zitate Steiners anbelangt, schließe ich mich dem Vorschlag im Abschlußbericht der niederländischen Kommission zum Verhältnis von Anthroposophie und der Frage der Rassen an, diese Zitate in künftigen Ausgaben angemessen historisch und ideologiekritisch zu kommentieren.

Aufgrund der Kürze der Zeit und der thesenartigen Formulierung konnten einige wesentliche Grundgedanken der Anthroposophie nicht angesprochen werden, z.B. der von Reinkarnation und Karma, der aus sich heraus schon die Bedeutung von Rasse und Nation relativiert, und dem des Wissenschaftscharakters der Anthroposophie, der mit der Evolution des Intellekts im engsten Zusammenhang steht.
Ebenso ist die Frage Anthroposophie und Nationalsozialismus von mir hier nicht thematisiert worden, da mein Kollege Wolfgang Keim zu dieser Frage in der folgenden Diskussion dazu Stellung nehmen wird.

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