Forum: Kritik an Rudolf Steiner
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Ansage zur Veranstaltung am 21.11.2000
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Stellungnahme 

Stellungnahme zu den Vorwürfen: Rassismus und Antisemitismus im Werk Rudolf Steiners und in der Anthroposophie

"Deshalb ist es notwendig, daß diejenige Bewegung, welche die anthroposophische genannt wird .... gerade in ihrem Grundcharakter dieses Abstreifen des Rassencharakters aufnimmt, daß sie nämlich zu vereinigen sucht Menschen aus allen Rassen, aus allen Nationen und auf diese Weise überbrückt diese Differenzierung, diese Unterschiede, diese Abgründe, die zwischen den einzelnen Menschengruppen vorhanden sind. .... Daher ist es so dringend notwendig, daß unsere anthroposophische Bewegung eine geistige ist, die auf das Spirituelle sieht, und gerade das, was aus den physischen Unterschieden herrührt, durch die Kraft der geistigen Bewegung überwindet. .... Man muß über die Kinderkrankheiten hinauskommen und sich klar sein darüber, daß der Rassebegriff aufhört eine jegliche Bedeutung zu haben gerade in unserer Zeit." (GA 117, 4.12.1909)
  1. Die Quellen

    Rudolf Steiner unterschied deutlich zwischen seinen schriftlichen Äußerungen (Bücher, Zeitschriftenaufsätze, Beiträge etc.) und Vortragsnachschriften, die letzteren sollten nicht veröffentlicht werden. Da aber von den über 6.000 Vorträgen Steiners immer mehr fehlerhafte Vortragsnachschriften zirkulierten, wurden Stenographen mit der Vortragsnachschrift beauftragt. Es ist inzwischen erwiesen, daß auch die stenographischen Nachschriften Fehler, Widersprüche, Auslassungen aufweisen und z.B. die besondere Situationsbedingtheit mancher Aussagen (Gestik, Mimik, Betonung) nicht berücksichtigt haben bzw. berücksichtigen konnten. Die weitaus meisten Vortragsnachschriften wurden von Rudolf Steiner nicht nachgesehen, und in den entsprechenden Veröffentlichungen ist folgender Vermerk angebracht: "Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften herausgegeben von der Rudolf Steiner Nachlaßverwaltung". Die in der Regel freigehaltenen Vorträge waren ursprünglich "als mündliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen" gedacht. Die nach Stichworten entstandenen Nachschriften, vor allem von den für die Mitglieder der anthroposophischen Gesellschaft gehaltenen Vorträgen, waren zunächst nur als interne Manuskriptdrucke zugänglich.
    Bei der Würdigung der Quellen ist dieser Sachverhalt zu berücksichtigen.

  2. Im schriftlichen Werk Rudolf Steiners sind mir - im Sinne der Vorwürfe - keine problematischen Äußerungen bekannt.

  3. Das philosophisch-pädagogische Menschenbild Rudolf Steiners zeigt gerade die essentielle Unabhängigkeit der Individualität von Gattung oder gar "Rasse". Vgl. dazu sein Grundwerk: "Philosophie der Freiheit", Kap. 14: "Individualität und Gattung" oder meine eigenen Beiträge in der Textsammlung zur Veranstaltung 'Die neue historische Person'. S. 61 ff.

  4. Rudolf Steiner untersucht - in Korrespondenz mit dem damaligen Sprachgebrauch Anfang des Jahrhunderts (1) - in seiner geisteswissenschaftlichen Forschung auch die Entstehung, Entwicklung und Aufgaben der verschiedenen Völker und "Rassen" der Erde. Dabei steht im Vordergrund die spezifische Begabung und Aufgabe der jeweiligen Kulturkreise, "Rassen" und Völker in Bezug auf die Entwicklung der Menschheit. Er bemüht sich, die "Sonnen- oder vielleicht auch Schattenseiten aller Rassen, aller Volkstümer" herauszuarbeiten und zeigt die Entwicklungsnotwendigkeit der Differenzierung als Voraussetzung selbstbestimmter Integration auf: Ein Entwicklungsmodell, das die Verschränkung von Onto- und Phylogenese als konstitutives Prinzip deutlich macht, wie dies im folgenden Zitat aus einem grundlegenden Vortragszyklus zu dieser Thematik ersichtlich wird:
    "Denn was man auch hören soll über die Charaktere dieses oder jenes Volkstums, und wie sehr man auch deshalb, weil man doch innerhalb irgendeiner Rasse, innerhalb eines Volkstums steht mit seinen Empfindungen, Gefühlen usw. dabei sein könnte, man hat ein genügendes Gegengewicht als Geisteswissenschaftler, um es in die andere Waagschale zu legen. Das ist die wirklich verstandene Lehre von dem Karma und der Reinkarnation. Sie bietet uns ja einen Ausblick darauf, daß wir mit dem innersten Kern unseres Wesens in den aufeinander folgenden Zeiten in den verschiedensten Rassen, in den verschiedensten Völkern inkarniert werden. So können wir also gewiß sein, wenn wir auf diesen Kern unseres Wesens schauen, daß wir mit ihm teilnehmen werden nicht nur an den Sonnen- oder vielleicht auch Schattenseiten aller Rassen, aller Volkstümer, sondern wir können gewiß sein, daß wir in unserem innersten Wesen aufnehmen Beitrag auf Beitrag der Segnungen aller Rassen und Volkstümer, indem wir einmal da, einmal dort inkarniert werden." (GA 121, 11. Juni 1910)
    Gerade wenn man den für Rudolf Steiners Geisteswissenschaft so wesentlichen Gedanken von Reinkarnation und Karma einbezieht und zu Ende denkt, werden rassistische und auch antisemitische Vorwürfe gegen Rudolf Steiner ad absurdum geführt.

  5. In seiner Autobiographie: 'Mein Lebensgang' beschreibt Rudolf Steiner ausführlich seine pädagogische Zentralerfahrung als Hauslehrer von 1884 bis 1890 bei der Familie des jüdischen Wollhändlers Stanislaus Specht. Rudolf Steiner hat noch lange nach dieser Hauslehrertätigkeit freundschaftliche Beziehungen zur Familie Specht unterhalten.

  6. Unter den engsten Mitarbeitern und Schülern Rudolf Steiners befanden sich jüdische Deutsche, wie z.B. Carl Unger (den er als einen seiner bedeutendsten Schüler ansah und der am 4.1.1929 von einem fanatischen Kritiker erschossen wurde), Karl König (der aus Deutschland emigrieren mußte und in England eine international wirksame Heilpädagogik schuf, die Camphill-Bewegung), Ernst Lehrs.

  7. Während des Ersten Weltkrieges mit seiner vergiftenden rassistischen und diskriminierenden Kriegspropaganda arbeiteten in Dornach/Schweiz Angehörige der Kriegsparteien gemeinsam am Bau des ersten Goetheanums, insgesamt Teilnehmer aus über 14 Nationen.

  8. Rudolf Steiner mußte seine öffentliche und sehr erfolgreiche Vortragstätigkeit in Deutschland nach Morddrohungen aus der rechten Szene einstellen und ein geplanter Anschlag am 15.5.1922 in München konnte gerade noch verhindert werden (2).

  9. In Nazi-Deutschland wurde die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft 1935 verboten (3), wobei die Fachleute des RSHA das der NS-Ideologie diametral entgegengesetzte Menschenbild recht zutreffend erkannten.
    Im übrigen wurde nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten sofort eine Aufnahmesperre für die Waldorfschulen verfügt, die Schulen wurden der Reihe nach geschlossen bzw. schlossen sich selbst (4). Es soll aber auch nicht verschwiegen werden, daß es neben Waldorflehrern in Gestapo-Haft und im KZ auch solche gab, die zur Erhaltung der Waldorfschule Kompromisse machten, die aus heutiger Sicht problematisch bis verwerflich sind.

  10. Zur Zeit des Dritten Reiches gab es drei Kilometer von Paderborn entfernt ein anthroposophisch geführtes heilpädagogisches Heim in Schloß Hamborn.
    Beate Möller hat in ihrer wissenschaftlichen Zulassungsarbeit zum Ersten Staatsexamen vom Jahr 1996 das Verhalten der Ärzte und Pädagogen untersucht. In der Arbeit wird dokumentiert, daß die behinderten Kinder vor dem Zugriff der nationalsozialistischen Rassenideologen so weit wie möglich geschützt wurden. Stellvertretend dafür steht hier das besser dokumentierte Verhalten des Heilpädagogen Franz Löffler aus dem heilpädagogischen Heim "Schloß Gerswalde":
    "Die Motive dieses Gesetzes widersprachen unserer Auffassung der Menschenrechte. Aus diesem Grunde traf das Gesetz gleich bei seiner Veröffentlichung auf unsere Ablehnung und unseren Widerstand. Das energische Betreiben des Herrn Franz Löffler, des Heimleiters, führte dann dazu, daß in zahlreichen Konferenzen der Mitarbeiterschaft unter seinem Vorsitz Lücken im Gesetz und entsprechende Wege gesucht wurden, um die Auswirkungen des Gesetzes von unseren Pfleglingen abzuwenden. (...) Damals bestand etwa ein Drittel unserer Patienten aus Kindern und Jugendlichen jüdischer Herkunft. (...) Nur bei einer kleinen Gruppe von Betroffenen konnte Herr Löffler die operative Unfruchtbarmachung nicht verhindern - teilweise, weil diese mit dem Einverständnis oder auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern vorgenommen wurde. Herrn Löfflers unermüdliche Tätigkeit in dieser Angelegenheit wurde von der Mitarbeiterschaft in vollem Umfang gedeckt. Die finanziellen Einbußen, welche dem Institut infolge der kurzfristigen Entlassungen von Pfleglingen entstanden, wurden bereitwillig gemeinsam getragen. Alle diese Maßnahmen zugunsten der uns anvertrauten Kranken erfolgten unbeschadet der Gefahr, die der Weiterarbeit des Instituts von seiten der NSDAP drohte." (5)

  11. Die Wirkungsgeschichte der Anthroposophie läßt sich, im Zusammenhang unserer erziehungswissenschaftlichen Veranstaltung, besonders gut an der Waldorfpädagogik belegen. Ein Befund ergibt folgendes:
  • Die Waldorfschule war von Anfang an international und transkulturell angelegt.
  • Heute gibt es Waldorfschulen in allen Kulturkreisen und gerade auch in den Ländern, die angeblich rassistisch diskriminiert sind: Israel, Südafrika, Kenia, ....
    Gerade in Südafrika gehört die Waldorfschule seit 1986 zu den konsequent integrativ ausgerichteten Bildungsstätten (6).

    Waldorfschulen können ihrem Menschenbild und ihrer Sozialstruktur (Selbstverantwortung) nach nur in Freiheit existieren und "erzeugen" Freiheit, deshalb gibt es in Diktaturen wie China, Nord-Korea, Vietnam, Kuba keine Waldorfschulen - dieser Negativbeweis zeigt, daß nicht rassistische, sondern ideologische Gründe die Gegnerschaft zur Waldorfpädagogik motivieren.
  1.  Zusammenfassung
  • Im schriftlichen, von Rudolf Steiner autorisierten Werk, sind mir keine rassistischen oder diskriminierenden Passagen bekannt. In stenographischen Mitschriften gibt es einige wenige heute befremdliche Äußerungen, die unter dem Aspekt Situationsbezogenheit, Zeitbedingtheit und ggf. auch didaktisch gewollter Simplifizierung zu bewerten sind. Sie sind in Qualität (aus dem Zusammenhang gerissen) und Quantität (etwa 1/10.000stel (!) der veröffentlichten Seiten) für das Werk Rudolf Steiners absolut marginal.
  • Der theoretische, strukturelle und methodische Kern der Anthroposophie und Geisteswissenschaft Rudolf Steiners ist allein auf die Freiheit und Würde der Individualität gerichtet, sowohl im Erkennen (Erkenntnis-Individualismus) wie im Handeln (ethischer Individualismus).
  • Die Wirkungsgeschichte der Anthroposophie zeigt diese als einen humanen geistigen Impuls, der in allen Kulturen, Völkern und "Rassen" den individuell je möglichen Weg sucht. Oder mit dem sog. ersten Leitsatz, von Rudolf Steiner 1924 formuliert: "Anthroposophie ist ein Weg, der das Geistige im Menschen zu dem Geistigen im Weltenall führen möchte."
    Die heute erreichte Sensibilität gegenüber allen rassistischen Diskriminierungen, die selbst bis zur Leugnung von Rassen führt (7), sehe ich als Errungenschaft an. In diesem Sinne möchte ich auch die Diskussionsbeiträge der beiden Studierenden verstehen als Aufforderung, in dieser wichtigen Gegenwartsfrage kritisches Bewußtsein zu schaffen.

Quellen:

(1) Vgl. dazu Theodor W. Adorno: Über Jazz. In: derselbe, Moments musicaux, neue gedruckte Aufsätze 1928-1962, Frankfurt a.M. 1964, S.94: "Wieweit der Jazz überhaupt mit genuiner Negermusik zu tun hat, ist überaus fraglich; daß er vielfach von Negern praktiziert wird und daß das Publikum den Markenartikel Neger-Jazz verlangt, beweist über ihn wenig, selbst wenn die folkloristische Forschung die afrikanische Herkunft vieler seiner Praktiken bestätigen sollte... Der Jazz verhält sich zu den Negern ähnlich wie die Salonmusik der Stehgeiger... zu den Zigeunern...; städtisch ist wie der Konsum so auch die Herstellung des Jazz, und die Haut der Neger so gut wie das Silber der Saxophone ein koloristischer Effekt. Keineswegs hält mit den blanken Musikwaren die siegreiche Vitalität ihren Einzug; der europäisch-amerikanische Amüsierbetrieb hat die Triumphatoren nachträglich als Lakaien und Reklamefiguren sich gedungen, und ihr Triumph ist bloß die verwirrende Parodie auf den kolonialen Imperialismus. Soweit bei den Anfängen des Jazz... von Negerelementen die Rede sein kann, dürfte es weniger um archaisch-primitive Äußerungen als um die Musik von Sklaven sich handeln..."
sowie Klaus Mann: Wendepunkt, München 1976, S.143f.: "Millionen von unterernährten, korrumpierten, verzweifelt geilen, wütend vergnügungssüchtigen Männern und Frauen torkeln und taumeln im Jazz-Delirium. Der Tanz wird zur Manie, zur idèe fixe, zum Kult... - alles wirft die Glieder in grausiger Euphorie... Man tanzt Hunger und Hysterie, Angst und Gier, Panik und Entsetzen... Die Symptome der Jazz-Infektion, die Zeichen der hüpfenden Sucht lassen sich im ganzen Land bemerken; am gefährlichsten betroffen aber ist das schlagende Herz des Reiches, die Hauptstadt."

(2) Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Chronik, Stuttgart 1988, S.486.

(3) Arfst Wagner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus, in: Flensburger Hefte, Sonderheft Nr.8 (1991), S.71f.

(4) Norbert Deuchert: Zur Geschichte der Waldorfschule im Nationalsozialismus, ebd. S.95-108; ders.:Der Kampf um die Waldorfschule im Nationalsozialismus, ebd. S.109-130.

(5) Siehe Beate Möller: Das "Heilerziehungs- und Erholungsheim Schloß Hamborn" 1931-1941 - eine anthroposophische Einrichtung für behinderte Kinder in der Zeit des Nationalsozialismus, Universität-Gesamthochschule Paderborn 1996, S.95.

(6) Waldorfschule weltweit, Stuttgart 1994, S.135ff.

(7) (Jutta Ditfurth)

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