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Stellungnahme
Stellungnahme zu den Vorwürfen: Rassismus und Antisemitismus im Werk
Rudolf Steiners und in der
Anthroposophie
"Deshalb ist
es notwendig, daß diejenige Bewegung, welche die anthroposophische genannt wird
.... gerade in ihrem Grundcharakter dieses Abstreifen des Rassencharakters
aufnimmt, daß sie nämlich zu vereinigen sucht Menschen aus allen Rassen, aus
allen Nationen und auf diese Weise überbrückt diese Differenzierung, diese
Unterschiede, diese Abgründe, die zwischen den einzelnen Menschengruppen
vorhanden sind. .... Daher ist es so dringend notwendig, daß unsere
anthroposophische Bewegung eine geistige ist, die auf das Spirituelle sieht, und
gerade das, was aus den physischen Unterschieden herrührt, durch die Kraft der
geistigen Bewegung überwindet. .... Man muß über die Kinderkrankheiten
hinauskommen und sich klar sein darüber, daß der Rassebegriff aufhört eine
jegliche Bedeutung zu haben gerade in unserer Zeit." (GA 117,
4.12.1909)
- Die Quellen
Rudolf Steiner
unterschied deutlich zwischen seinen schriftlichen Äußerungen (Bücher,
Zeitschriftenaufsätze, Beiträge etc.) und Vortragsnachschriften, die
letzteren sollten nicht veröffentlicht werden. Da aber von den über 6.000
Vorträgen Steiners immer mehr fehlerhafte Vortragsnachschriften zirkulierten,
wurden Stenographen mit der Vortragsnachschrift beauftragt. Es ist inzwischen
erwiesen, daß auch die stenographischen Nachschriften Fehler, Widersprüche,
Auslassungen aufweisen und z.B. die besondere Situationsbedingtheit mancher
Aussagen (Gestik, Mimik, Betonung) nicht berücksichtigt haben bzw.
berücksichtigen konnten. Die weitaus meisten Vortragsnachschriften wurden von
Rudolf Steiner nicht nachgesehen, und in den entsprechenden Veröffentlichungen
ist folgender Vermerk angebracht: "Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen
Nachschriften herausgegeben von der Rudolf Steiner Nachlaßverwaltung". Die in
der Regel freigehaltenen Vorträge waren ursprünglich "als mündliche, nicht zum
Druck bestimmte Mitteilungen" gedacht. Die nach Stichworten entstandenen
Nachschriften, vor allem von den für die Mitglieder der anthroposophischen
Gesellschaft gehaltenen Vorträgen, waren zunächst nur als interne
Manuskriptdrucke zugänglich. Bei der Würdigung der Quellen ist dieser
Sachverhalt zu berücksichtigen.
- Im schriftlichen Werk
Rudolf Steiners sind mir - im Sinne der Vorwürfe - keine problematischen
Äußerungen bekannt.
- Das philosophisch-pädagogische
Menschenbild Rudolf Steiners zeigt gerade die essentielle Unabhängigkeit der
Individualität von Gattung oder gar "Rasse". Vgl. dazu sein Grundwerk:
"Philosophie der Freiheit", Kap. 14: "Individualität und Gattung" oder meine
eigenen Beiträge in der Textsammlung zur Veranstaltung 'Die neue historische
Person'. S. 61 ff.
- Rudolf Steiner untersucht - in
Korrespondenz mit dem damaligen Sprachgebrauch Anfang des Jahrhunderts (1) - in
seiner geisteswissenschaftlichen Forschung auch die Entstehung, Entwicklung und
Aufgaben der verschiedenen Völker und "Rassen" der Erde. Dabei steht im
Vordergrund die spezifische Begabung und Aufgabe der jeweiligen Kulturkreise,
"Rassen" und Völker in Bezug auf die Entwicklung der Menschheit. Er bemüht sich,
die "Sonnen- oder vielleicht auch Schattenseiten aller Rassen, aller Volkstümer"
herauszuarbeiten und zeigt die Entwicklungsnotwendigkeit der Differenzierung als
Voraussetzung selbstbestimmter Integration auf: Ein Entwicklungsmodell, das die
Verschränkung von Onto- und Phylogenese als konstitutives Prinzip deutlich
macht, wie dies im folgenden Zitat aus einem grundlegenden Vortragszyklus zu
dieser Thematik ersichtlich wird:
"Denn was man auch hören soll über die
Charaktere dieses oder jenes Volkstums, und wie sehr man auch deshalb, weil man
doch innerhalb irgendeiner Rasse, innerhalb eines Volkstums steht mit seinen
Empfindungen, Gefühlen usw. dabei sein könnte, man hat ein genügendes
Gegengewicht als Geisteswissenschaftler, um es in die andere Waagschale zu
legen. Das ist die wirklich verstandene Lehre von dem Karma und der
Reinkarnation. Sie bietet uns ja einen Ausblick darauf, daß wir mit dem
innersten Kern unseres Wesens in den aufeinander folgenden Zeiten in den
verschiedensten Rassen, in den verschiedensten Völkern inkarniert werden. So
können wir also gewiß sein, wenn wir auf diesen Kern unseres Wesens schauen, daß
wir mit ihm teilnehmen werden nicht nur an den Sonnen- oder vielleicht auch
Schattenseiten aller Rassen, aller Volkstümer, sondern wir können gewiß sein,
daß wir in unserem innersten Wesen aufnehmen Beitrag auf Beitrag der Segnungen
aller Rassen und Volkstümer, indem wir einmal da, einmal dort inkarniert
werden." (GA 121, 11. Juni 1910) Gerade wenn man den für Rudolf Steiners
Geisteswissenschaft so wesentlichen Gedanken von Reinkarnation und Karma
einbezieht und zu Ende denkt, werden rassistische und auch antisemitische
Vorwürfe gegen Rudolf Steiner ad absurdum geführt.
- In
seiner Autobiographie: 'Mein Lebensgang' beschreibt Rudolf Steiner ausführlich
seine pädagogische Zentralerfahrung als Hauslehrer von 1884 bis 1890 bei der
Familie des jüdischen Wollhändlers Stanislaus Specht. Rudolf Steiner hat noch
lange nach dieser Hauslehrertätigkeit freundschaftliche Beziehungen zur Familie
Specht unterhalten.
- Unter den engsten Mitarbeitern und
Schülern Rudolf Steiners befanden sich jüdische Deutsche, wie z.B. Carl Unger
(den er als einen seiner bedeutendsten Schüler ansah und der am 4.1.1929 von
einem fanatischen Kritiker erschossen wurde), Karl König (der aus Deutschland
emigrieren mußte und in England eine international wirksame Heilpädagogik schuf,
die Camphill-Bewegung), Ernst Lehrs.
- Während des Ersten
Weltkrieges mit seiner vergiftenden rassistischen und diskriminierenden
Kriegspropaganda arbeiteten in Dornach/Schweiz Angehörige der Kriegsparteien
gemeinsam am Bau des ersten Goetheanums, insgesamt Teilnehmer aus über 14
Nationen.
- Rudolf Steiner mußte seine öffentliche und
sehr erfolgreiche Vortragstätigkeit in Deutschland nach Morddrohungen aus der
rechten Szene einstellen und ein geplanter Anschlag am 15.5.1922 in München
konnte gerade noch verhindert werden (2).
- In
Nazi-Deutschland wurde die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft 1935
verboten (3), wobei die Fachleute des RSHA das der NS-Ideologie diametral
entgegengesetzte Menschenbild recht zutreffend erkannten.
Im übrigen wurde
nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten sofort eine Aufnahmesperre für die
Waldorfschulen verfügt, die Schulen wurden der Reihe nach geschlossen bzw.
schlossen sich selbst (4). Es soll aber auch nicht verschwiegen werden, daß es
neben Waldorflehrern in Gestapo-Haft und im KZ auch solche gab, die zur
Erhaltung der Waldorfschule Kompromisse machten, die aus heutiger Sicht
problematisch bis verwerflich sind.
- Zur Zeit des
Dritten Reiches gab es drei Kilometer von Paderborn entfernt ein
anthroposophisch geführtes heilpädagogisches Heim in Schloß
Hamborn.
Beate Möller hat in ihrer wissenschaftlichen Zulassungsarbeit
zum Ersten Staatsexamen vom Jahr 1996 das Verhalten der Ärzte und Pädagogen
untersucht. In der Arbeit wird dokumentiert, daß die behinderten Kinder vor dem
Zugriff der nationalsozialistischen Rassenideologen so weit wie möglich
geschützt wurden. Stellvertretend dafür steht hier das besser dokumentierte
Verhalten des Heilpädagogen Franz Löffler aus dem heilpädagogischen Heim
"Schloß
Gerswalde": "Die Motive dieses Gesetzes widersprachen unserer Auffassung der
Menschenrechte. Aus diesem Grunde traf das Gesetz gleich bei seiner
Veröffentlichung auf unsere Ablehnung und unseren Widerstand. Das energische
Betreiben des Herrn Franz Löffler, des Heimleiters, führte dann dazu, daß in
zahlreichen Konferenzen der Mitarbeiterschaft unter seinem Vorsitz Lücken im
Gesetz und entsprechende Wege gesucht wurden, um die Auswirkungen des Gesetzes
von unseren Pfleglingen abzuwenden. (...) Damals bestand etwa ein Drittel
unserer Patienten aus Kindern und Jugendlichen jüdischer Herkunft. (...) Nur bei
einer kleinen Gruppe von Betroffenen konnte Herr Löffler die operative
Unfruchtbarmachung nicht verhindern - teilweise, weil diese mit dem
Einverständnis oder auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern vorgenommen wurde.
Herrn Löfflers unermüdliche Tätigkeit in dieser Angelegenheit wurde von der
Mitarbeiterschaft in vollem Umfang gedeckt. Die finanziellen Einbußen, welche
dem Institut infolge der kurzfristigen Entlassungen von Pfleglingen entstanden,
wurden bereitwillig gemeinsam getragen. Alle diese Maßnahmen zugunsten der uns
anvertrauten Kranken erfolgten unbeschadet der Gefahr, die der Weiterarbeit des
Instituts von seiten der NSDAP drohte." (5)
- Die Wirkungsgeschichte der Anthroposophie läßt sich, im Zusammenhang unserer
erziehungswissenschaftlichen Veranstaltung, besonders gut an der
Waldorfpädagogik belegen. Ein Befund ergibt folgendes:
- Die Waldorfschule war von Anfang an international und transkulturell
angelegt.
- Heute gibt es Waldorfschulen in allen Kulturkreisen und gerade auch in den
Ländern, die angeblich rassistisch diskriminiert sind: Israel, Südafrika, Kenia,
....
Gerade in Südafrika gehört die Waldorfschule seit 1986 zu den konsequent
integrativ ausgerichteten Bildungsstätten (6).
Waldorfschulen können
ihrem Menschenbild und ihrer Sozialstruktur (Selbstverantwortung) nach nur in
Freiheit existieren und "erzeugen" Freiheit, deshalb gibt es in Diktaturen wie
China, Nord-Korea, Vietnam, Kuba keine Waldorfschulen - dieser Negativbeweis
zeigt, daß nicht rassistische, sondern ideologische Gründe die Gegnerschaft zur
Waldorfpädagogik motivieren.
- Zusammenfassung
- Im schriftlichen, von Rudolf Steiner autorisierten Werk, sind mir keine
rassistischen oder diskriminierenden Passagen bekannt. In stenographischen
Mitschriften gibt es einige wenige heute befremdliche Äußerungen, die unter dem
Aspekt Situationsbezogenheit, Zeitbedingtheit und ggf. auch didaktisch gewollter
Simplifizierung zu bewerten sind. Sie sind in Qualität (aus dem Zusammenhang
gerissen) und Quantität (etwa 1/10.000stel (!) der veröffentlichten Seiten) für
das Werk Rudolf Steiners absolut marginal.
- Der theoretische, strukturelle und methodische Kern der Anthroposophie und
Geisteswissenschaft Rudolf Steiners ist allein auf die Freiheit und Würde der
Individualität gerichtet, sowohl im Erkennen (Erkenntnis-Individualismus) wie im
Handeln (ethischer Individualismus).
- Die Wirkungsgeschichte der Anthroposophie zeigt diese als einen humanen
geistigen Impuls, der in allen Kulturen, Völkern und "Rassen" den individuell je
möglichen Weg sucht. Oder mit dem sog. ersten Leitsatz, von Rudolf Steiner 1924
formuliert: "Anthroposophie ist ein Weg, der das Geistige im Menschen zu dem
Geistigen im Weltenall führen möchte."
Die heute erreichte Sensibilität
gegenüber allen rassistischen Diskriminierungen, die selbst bis zur Leugnung von
Rassen führt (7), sehe ich als Errungenschaft an. In diesem Sinne möchte ich
auch die Diskussionsbeiträge der beiden Studierenden verstehen als Aufforderung,
in dieser wichtigen Gegenwartsfrage kritisches Bewußtsein zu
schaffen.
Quellen:
(1) Vgl. dazu Theodor W. Adorno: Über
Jazz. In: derselbe, Moments musicaux, neue gedruckte Aufsätze 1928-1962,
Frankfurt a.M. 1964, S.94: "Wieweit der Jazz überhaupt mit genuiner Negermusik
zu tun hat, ist überaus fraglich; daß er vielfach von Negern praktiziert wird
und daß das Publikum den Markenartikel Neger-Jazz verlangt, beweist über ihn
wenig, selbst wenn die folkloristische Forschung die afrikanische Herkunft
vieler seiner Praktiken bestätigen sollte... Der Jazz verhält sich zu den Negern
ähnlich wie die Salonmusik der Stehgeiger... zu den Zigeunern...; städtisch ist
wie der Konsum so auch die Herstellung des Jazz, und die Haut der Neger so gut
wie das Silber der Saxophone ein koloristischer Effekt. Keineswegs hält mit den
blanken Musikwaren die siegreiche Vitalität ihren Einzug; der
europäisch-amerikanische Amüsierbetrieb hat die Triumphatoren nachträglich als
Lakaien und Reklamefiguren sich gedungen, und ihr Triumph ist bloß die
verwirrende Parodie auf den kolonialen Imperialismus. Soweit bei den Anfängen
des Jazz... von Negerelementen die Rede sein kann, dürfte es weniger um
archaisch-primitive Äußerungen als um die Musik von Sklaven sich
handeln..." sowie Klaus Mann: Wendepunkt, München 1976, S.143f.: "Millionen
von unterernährten, korrumpierten, verzweifelt geilen, wütend
vergnügungssüchtigen Männern und Frauen torkeln und taumeln im Jazz-Delirium.
Der Tanz wird zur Manie, zur idèe fixe, zum Kult... - alles wirft die Glieder in
grausiger Euphorie... Man tanzt Hunger und Hysterie, Angst und Gier, Panik und
Entsetzen... Die Symptome der Jazz-Infektion, die Zeichen der hüpfenden Sucht
lassen sich im ganzen Land bemerken; am gefährlichsten betroffen aber ist das
schlagende Herz des Reiches, die Hauptstadt."
(2) Christoph
Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Chronik, Stuttgart 1988, S.486.
(3)
Arfst Wagner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus, in:
Flensburger Hefte, Sonderheft Nr.8 (1991), S.71f.
(4) Norbert Deuchert:
Zur Geschichte der Waldorfschule im Nationalsozialismus, ebd. S.95-108;
ders.:Der Kampf um die Waldorfschule im Nationalsozialismus, ebd.
S.109-130.
(5) Siehe Beate Möller: Das "Heilerziehungs- und Erholungsheim
Schloß Hamborn" 1931-1941 - eine anthroposophische Einrichtung für behinderte
Kinder in der Zeit des Nationalsozialismus, Universität-Gesamthochschule
Paderborn 1996, S.95.
(6) Waldorfschule weltweit, Stuttgart 1994,
S.135ff.
(7) (Jutta Ditfurth)
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